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Jede Eröffnungsvorbereitung endet irgendwann und dann ist man auf sich alleine gestellt. Folgende Erfahrung macht jeder mal in seinem Schachleben: "Hmm, mein Eröffnungswissen ist vorbei. Ich stehe ganz gut, aber wie geht es weiter?" Mehr Eröffnungszüge lernen verschiebt nur den Punkt an dem dies geschieht und zig Eröffnungen zu lernen, ist schwere Kost. Was fehlt, ist die Idee, wie man eine Situation behandeln sollte. Ist die Idee mal da, steht die Strategie. Die optimale Zugfolge muss man sich am Brett erarbeiten.
Wie kommt man zur richtigen Vorgehensweise. Jede Eröffnug besitzt bestimmte Eröffnungsmerkmale. Der wichtigste Faktor zur Beurteilung und Behandlung einer Eröffnung ist die Bauernstruktur! Die Bauernstruktur legt nämlich fest:
Die Entwicklungsmöglichkeiten der Figuren
Offenbart Schwächen in der Struktur
bietet Felder, die von Figuren besetzt werden können
Bestimmt die Harmonie und Koordination der Figuren
Raum
Bauernstrukturen sind vielfältig und es gibt unzählige Muster. Muster wiederholen sich in vielen Eröffnungen und damit haben wir schon den Grundstein für das Eröffnungsverständni: Erkennen und Behandeln von Muster!
Nebenbei bemerkt, eine Sache, die einen Großmeister vom normalsterblichen Schachspieler unterscheidet, ist die Mustererkennung. Und das nicht nur in der Eröffnung. Generell weiss ein Großmeister, wie er bestimmte Bauernstrukturen zu behandeln hat.
Beispiel für Strukturmerkmale sind:
Isolani
Bauernketten
Doppelbauer
Farbkomplexe
Raum
Ich greife hier den Isolani heraus.
Der Bauer, der am häufigsten in der Eröffnung als Isolani in Erscheinung tritt, ist der d-Bauer. Gefolgt vom c-Bauern. Der e-Bauer wird in der Eröffnung so gut wie nie als Isolani auftreten, da dies implizit bedeutet, dass der f-Bauer ziehen müsste, was eine Schwächung der Königsstellung bedeutet, welche normalerweise niemand in der Eröffnung machen möchte. Zum d-Bauer als Isolani wurden schon ganze Bücher geschrieben. Erste systematische Untersuchungen wurden schon von Wilhelm Steinitz durchgeführt.
Angenommenes Damengambit, Nimzoindisch, Caro-Kann (Panow-Angriff) sind Eröffnungen, wo man es sehr häufig mit d4-Isolani zu tun bekommt.
Angenommenes Damengambit | Nimzoindisch | Caro Kan (Panow-Angriff) | Damengambit - Tarrasch |
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1. d4 d5 2. c4 dxc4 3. Sf3 Sf6 4. e3 e6 5. Lxc4 c5 6. O-O cxd4 7. exd4 Le7 8. Sc3 | 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 c5 5. Sf3 O-O 6. Ld3 cxd4 7. exd4 d5 8.O-O dxc4 9. Lxc4 | 1. e4 c6 2. d4 d5 3. exd5 cxd5 4. c4 Sf6 5. Sc3 e6 6. Sf3 Lb4 7. cxd5 Sxd5 8. Ld2 | 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Sf6 4. Sf3 Le7 5. cxd5 Sxd5 6. e3 O-O 7. Ld3 c5 8. O-O cxd4 9. exd4 Sc6 |
Daneben gibt es noch viele andere Eröffnungen, z.B. Tarrasch, Alapin, ... Die entstehenden Stellungen ähneln sich. Unterschiede gibt es, wohin sich der weiße Läufer entwickelt. Ist der Isolani nun stark oder schwach? Beides! Keine Seite hat wirklichen einen spielentscheidenden Vorteil. Ob der Bauer stark oder schwach wird, hängt von den Folgezügen ab. Nehmen wir mal das letzte Diagramm als Ausgangspunkt zur Abwägung der Stärken und Schwächen. Was sind die strukturellen Eigenschaften dieser Position und welche Strategien kann man wählen? Schauen wir uns die prinzipiellen Vor- und Nachteile an.
Vorteile | Nachteile |
---|---|
+ Weiß hat mehr Raum und bessere Entwicklungsmöglichkeiten für die Läufer | - Der Isolani ist ein leichtes Angriffsziel |
+ Die Drohung den Bauern nach d5 vorzustoßen, bindet schwarze Figuren an d5 | - Die Verteidigung des Bauerns bindet weiße Figuren an d4 |
+ Die schwarze Entwicklung ist gehemmt | - Schwarz bekommt einen Vorposten auf d5, meistens vom Springer genutzt |
+ Gute Angriffschancen am Königsflügel | - Im Endspiel ist der Bauer eine ernste Schwäche |
Ausgehend von diesen Vor- und Nachteilen kann man folgende Aussagen über das weitere strategische Vorgehen der beiden Parteien machen.
Der Isolani ist fast allen Fällen zentraler Dreh- und Angelpunkt. Das er im Endspiel schwach wird, wird Weiß in vielen Fällen versuchen, ihn mit einem Vorstoß loszuwerden. Im Grunde der effektiste und beste Plan. Weiß hat einen Entwicklungsvorteil und kontrolliert mehr Raum. Schwarz muss hingegen Zeit vergeuden, seinen Damenläufer und den Damenturm ins Spiel zu holen. Vernachlässigt Schwarz die Kontrolle von d5, ist der richtige Zeitpunkt zum Vorstoß des d-Bauerns gekommen. Es öffnen sich Linien und es erhöht die Reichweite aller weißer Figuren. Durch die bessere Positionierung der Figuren von Weiß erhält man aktives Spiel. Letzteres setzt voraus, dass Weiß seine Entwicklung abgeschlossen hat. Die Dame und Türme müssen vorher ins Spiel gebracht werden. Häufig wird die Dame nach e2/d3 gezogen, seltener nach c2,b3. Die "natürlichen" Felder für die Türme sind d1 (Damenturm) und e1 (Königsturm).
Ein weiteres Ziel von Weiß sollte es sein, Schwächen am Königsflügel zu provozieren. Konzentriert sich Schwarz nur auf die Blockade von d5, kann er leicht in einen Königsangriff hineingeraten. Die Dame und der Läufer könnten auf der Diagonale b1-h7 auf das Feld h7 Druck machen. Schwarz muss folglich entweder eine Figur an die Deckung des Feldes binden, z.B. Sf6, oder er wird gezwungen g6 zu spielen, was die schwarzen Felder schwächt. Es drohen dann so Ideen wie Lh6 und h4,h5. Auch wäre dann das Feld e5 für den Springer ein gutes Feld, da nach einem eventuellen f6, sich die schwarze Bauernstruktur beim König noch mehr schwächt. In einigen anderen Varianten ist Se5 interessant, da der Springer Gelegenheit bekommen könnte, sich auf f7 zu opfern. All diese Ideen funktionieren nur, wenn Weiß seinen Raumvorteil schnell nutzen und Drohungen aufstellen kann, was Schwarz nicht so einfach zulassen wird.
Die Strategie von Schwarz lassen sich einfach aus den Gegenmaßnahmen der weißen Pläne herleiten:
1: Blockade des Durchbruchfeldes d5
Auf d5 eine Figur, wie den Springer, stehen zu lassen ist nicht wirklich gut, da Weiß immer die Option hat, dort zu tauschen. Nach Sxd5 exd5 wird der schwarze Vorteil des Isolanis aufgehoben. Häufig wird der Springer zur Verteidigung auf f6 benötigt. Blockieren heisst nicht besetzen, es kann auch kontrollieren bedeuten!
2: Entwicklung des Läufers nach b7
Das geht einfach durch b7-b6 oder auch nach a6 gefolgt von b5.
3: Abtausch von Leichtfiguren
Um die Gefahr eines Angriffs auf den König zu verringern, sollte Schwarz Leichtfiguren tauschen. Es ist zudem auch besser für Schwarz, wenn Weiß im Endspiel für die Verteidigung des Isolani nur noch Schwerfiguren besitzt. Türme sind zu unbeweglich.
4: Druck gegen den Isolani
Die Drohung, den Isolani zu erobern und dann mit einem Mehrbauern in ein (fast gewonnenes) Endspiel zu gehen, bindet weiße Figuren an die Verteidigung.
Nun folgen einige Beispielpartien.
Spasski - Awtonomow Leningrad 1949 |
Portisch - Karpow Italien 1975 |
Jussupow - Lobron Nussloch 1996 |
Owen - Mapes corr ch-USA 1866 |
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1. d4 d5 2. c4 dxc4 3. Sf3 Sf6 4. e3 c5 5. Lxc4 e6 6. O-O a6 7. De2 b5 8. Lb3 Sc6 9. Sc3 cxd4 10. Td1 Lb7 11. exd4 Sb4 ![]() 12. d5 Sbxd5 ![]() Hier steht der Springer brutal gut. Schwarz ist schon verloren h5 19. Txd5 Dxd5 20. Dxe7+ Kg8 21. Dxf6 1-0 |
1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 O-O 5. Ld3 d5 6. Sf3 c5 7. O-O dxc4 8. Lxc4 cxd4 9. exd4 Sc6 10. a3 Le7 11. Te1 b6 12. Ld3 Lb7 13. Lc2 Te8 14. Dd3 Tc8? ![]() Der auf der Hand liegende Entwicklungszug ist schon ein Fehler, weil Weiß jetzt zum thematischen Durchbruch d5 kommt. Auch auf andere Züge wie a6 kommt d5. Warum geht d5 nun? Weiß hat all seine Kräfte in Richtung des Königs konzentriert. Der Springer f6 darf nicht auf d5 schlagen, da h7 ungedeckt wäre. 15. d5 exd5 16. Lg5 Se4 ![]() Ein Fehler wäre g6 wegen 17.Txe7 Dxe7 18.Sxd5 +-. Ein Motiv, dass man sich merken sollte. 17. Sxe4 dxe4 18. Dxe4 g6 19. Dh4 h5 ![]() In der Partie Petrosian-Balashov, UDSSR 1974, geschah 19. ..Dc7 20. Lb3 h5 21. De4 {droht Dg6+} Kg7 22. Lxf7 Kxf7 23. Lh6 Dd6 24. Dc4+ Kf6 25. Tad1 Sd4 26. Dxd4+ Dxd4 27. Txd4 Tc5 28. h4 und Schwarz gab auf. 20. Tad1 Dc7 21. Lxg6 fxg6 22. Dc4+ Kg7 23. Lf4 La6 24. Dc3+ Lf6 25. Lxc7 Lxc3 26. Txe8 1-0 |
1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 O-O 5. Ld3 d5 6. Sf3 c5 7. O-O cxd4 8. exd4 dxc4 9. Lxc4 b6 10. Te1 Lb7 11. Ld3 Sc6 12. a3 Le7 ![]() 13. Lc2 Te8 14. Dd3 g6 15. h4 Dd6 16. Lg5 Tad8 17. Tad1 Db8 18. Lb3 a6 ![]() 19. d5! Sa5 20. dxe6 ![]() Sxb3 21. exf7+ Kxf7 22. Dc4+ Kg7 23. Se5 Sg8 24. Txd8 Dxd8 25. Df7+ Kh8 26. Dxb3 Dd4 27. Te3 Tf8 28. Lxe7 1-0 |
1. e4 c6 2. d4 d5 3. exd5 cxd5 4. c4 Sf6 5. Sc3 e6 6. Sf3 Le7 7. cxd5 Sxd5 8. Ld3 Sc6 9. O-O O-O 10. Te1 Sf6 11. a3 b6 12. Lc2 Lb7 13. Dd3 g6 14. Lh6 Te8 15. Tad1 Dc7 ![]() Zeit für den klassischen Durchbruch 16. d5 Tad8 17. dxe6 ![]() Man hüte sich vor den Danaern, auch wenn sie Geschenke bringen. Schwarz nimmt das Damenopfer an, was für die Entscheidung der Partie sorgt. Allerdings nicht zu seinem Gunsten. Txd3 18. exf7+ Kxf7 19. Lb3+ Sd5 20. Txd3 Sd8 21. Sxd5 Lxd5 22. Lxd5+ Kf6 23. Sg5 1-0 |
N.N. - N.N. Fritzserver |
Kortschnoi - Karpow Meran 1981 |
Kramnik - Anand Dortmund 2001 |
Lautier - Karpow Monte Carlo 1995 |
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1. e4 c6 2. c4 d5 3. exd5 cxd5 4. cxd5 Sf6 5. Sc3 Sxd5 6. d4 e6 7. Sf3 Sc6 8. Ld3 Le7 9. O-O O-O 10. Te1 Sf6 11. a3 b6 12. Lg5 Lb7 13. Lc2 Tc8 14. Dd3 g6 15. Tad1 Sd5 16. Lh6 Te8 17. Se4 ![]() Wie sollte Schwarz weiterspielen? Scb4?? 18. axb4 Sxb4 19. Db5 Sxc2 20. De5 ![]() Lf8 21. Sf6+ Dxf6 22. Dxf6 Lxh6 23. Se5 Sxe1 24. Dxf7+ Kh8 25. Dxb7 1-0 |
1. c4 e6 2. Sc3 d5 3. d4 Le7 4. Sf3 Sf6 5. Lg5 h6 6. Lh4 O-O 7. Tc1 dxc4 8.
e3 c5 9. Lxc4 cxd4 10. exd4 Sc6 11. O-O Sh5 ![]() 12. Lxe7 Sxe7 13. Lb3 13. .. Sf6 14. Se5 Ld7 15. De2 Tc8 16. Se4 Sxe4 17. Dxe4 Lc6 18. Sxc6 Txc6 ![]() 19. Tc3 Dd6 20. g3 Td8 21. Td1 Tb6 |
1. d4 d5 2. c4 dxc4 3. Sf3 e6 4. e3 Sf6 5. Lxc4 c5 6. O-O a6 7. Lb3 cxd4 8. exd4 Sc6 9. Sc3 Le7 10. Lg5 O-O 11. Dd2 ![]() Kramnik wählt einen Plan mit Dame f4-h4 Sa5 12. Lc2 b5 13. Df4 Ta7 14. Tad1 Lb7 15. d5 ![]() Lxd5 16. Sxd5 exd5 17. Dh4 h5 ![]() Die originellste und beste Verteidigung. Trotzdem steht Schwarz schlecht. 18. Tfe1 18. .. Sc6 19. g4 Dd6 20. gxh5 Db4 21. h6 Dxh4 22. Sxh4 Se4 23. hxg7 Tc8 24. Lxe7 Sxe7 25. Lxe4 dxe4 26. Txe4 Kxg7 27. Td6 Tc5 28. Tg4+ Kh7 29. Sf3 Sg6 30. Sg5+ Kg7 31. Sxf7 Txf7 32. Tdxg6+ Kh7 33. T6g5 Txg5 34. Txg5 Tc7 35. a3 b4 36. axb4 Tc1+ 37. Kg2 Tb1 38. Ta5 Txb2 39. Ta4 1-0 |
1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Dc2 O-O 5. a3 Lxc3+ 6. Dxc3 b6 7. Lg5 Lb7 8. f3 d5 9. e3 Sbd7 10. cxd5 exd5 11. Ld3 Te8 12. Se2 c5 13. O-O De7 14. Sg3 Tac8 15. Lf5 cxd4 16. Dxd4 ![]() Tc4 17. Dd2 Sc5 18. Tad1 h6 19. Lxf6 Dxf6 20. Lb1 Se6 21. La2 Tc5 22. Se2 La6 23. Tfe1 Lxe2 24. Txe2 Td8 25. Dd3 g6 26. Ted2 ![]() Karpow entledigt sich des Problems mit dem Isolani, indem er diesen opfert d4 27. Lxe6 Dxe6 28. exd4 Tcd5 29. De4 Df6 30. Kf2 Kg7 31. Td3 a5 32. a4 b5 33. b3 bxa4 34. bxa4 Dc6 35. Ta3 Dd6 36. Tad3 Dxh2 ...0-1 |
Wie man an diesen Beispielen sieht, ist für die Isolani-Partei ein rechtzeitiger Durchbruch, das wichtigste Mittel, um Vorteil zu erlangen. Natürlich unter der Prämisse, dass man entweder einen Entwicklungsvorteil besitzt oder gleichzeitig gegen den Königsflügel aktiv werden kann. (Partiedownload unten).
Die für diesen Vortrag genutzen Ressourcen sind:
1) The Isolani Lecture von FM Steve Stoyko.Alle Beispiele von unten plus noch ca. 60 weitere Beispiele von der "Isolani Lecture"-Webseite sind als pgn-Datei downloadbar