Der Sternenkrieg

 

Kriege können ziemlich lange dauern, erst recht interstellare Kriege. Die ungeheuren Entfernungen zwischen den Sternen lassen keine schnellen Kriege zu. Niemand ist in der Lage diese Dimensionen in kurzer Zeit zu überbrücken. Daher war es nicht verwunderlich, dass der Krieg zwischen den Menschen und den Synbalern schon 715 Jahre dauerte. 

Professor Reichenbart rückte seine Brille zurecht. "Wenn der Versuch gelingt", dachte er, "wird dieser Krieg in wenigen Jahren beendet sein. Dann wird das endlose Blutvergießen ein Ende haben. Keine Mutter, Ehefrau oder Schwester wird mehr eine Nachricht erhalten, dass ihr Sohn, Ehemann oder Bruder gefallen ist." 
Jeder Mann zwischen achtzehn und achtzig war zum Wehrdienst eingezogen worden, wenn nicht an der Front, dann in einem der unzähligen Rüstungsbetriebe auf der Erde oder im All. Die Menschheit hatte alles in die Waagschale geworfen, um zu gewinnen. Aber ein Erfolg war weiterhin fraglich. Das Räuspern seines Assistenten riss Reichenbart aus seinen Gedanken. 
"Danke", sagte Professor Reichenbart und wandte sich den Versammelten zu. Alle waren da, jeder 5-Sterne General, der Präsident und der Generalbevollmächtigte der UNO, sowie einige der einflussreichsten Rüstungsproduzenten der Erde. Alle waren den weiten Weg zur Forschungsstation im Asteroidengürtel gekommen, um der Vorführung beizuwohnen. Stolz machte sich in ihm breit. Alle waren sie seinetwegen gekommen, seinetwegen und natürlich der Erfindung wegen, die er gemacht hatte. 
"Guten Tag, meine Herren!" begrüßte er sie. "Ich heiße sie im Namen meiner Mitarbeiter herzlich willkommen. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass die Entwicklung der Antimateriebombe vollendet ist. Nur der abschließende Test steht noch aus. Ich möchte Sie nochmals darauf hinweisen, dass wir die genaue Sprengkraft der Bombe nicht kennen, aber sie dürfte enorm sein. Dieser Versuch soll nun Aufklärung darüber geben. Wenn Sie bereit sind, können wir anfangen." 
Zögerliches Kopfnicken kam von dem einem oder anderen der Anwesenden. Professor Reichenbart interpretierte dies als allgemeine Zustimmung und gab seinem Assistenten das Signal. 
"Bitte achten Sie darauf, dass die Bildschirme, respektive die Kameras, die die Explosion zeigen, sich in unterschiedlicher Entfernung von der Bombe befinden. Von links nach rechts in zunehmender Entfernung, wobei das letzte Bild von einem Satelliten in 10.000 km Entfernung aufgenommen wird." Zuerst war nichts zu sehen, dann ging es Schlag auf Schlag. Die ersten drei Bildschirme leuchteten grell auf und verloschen Sekundenbruchteile später. Den anderen Bildschirmen erging es nicht viel besser. Man sah nur eine grelle Lichtexplosion und kurze Zeit später nichts mehr. Nur von der Satellitenkamera aus konnte man erkennen, was passiert war. Die Wucht der Antimateriebombe vernichtete den ganzen Zielasteroiden. Er zerbarst förmlich. Materie wurde mit ungeheurer Wucht in das All geschleudert, Licht, Wärme und unvorstellbare Mengen an Strahlung wurden freigesetzt. Dann erreichten die ersten Materieteilchen den Satelliten und auch der letzte Bildschirm erlosch.

Reichenbart war überwältigt. Das Ergebnis hatte seine Erwartungen noch bei weitem übertroffen. Selbst die Computersimulationen hatten so ein Ergebnis nicht vorausgesagt. Er musste die Berechnungen noch einmal überprüfen. Irgend etwas hatte er noch übersehen. Aber das hatte Zeit. Lächelnd stimmte er in den Jubel seiner Mitarbeiter ein. Es war gelungen, sie hatten es geschafft! Jahrzehntelange Arbeit hatte sich ausgezahlt. Man gratulierte ihm und von irgendwo tauchte auch Champagner auf. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, dass die Beobachter aufgestanden waren und leise, aber heftig diskutierten. Einige sahen noch sehr blass aus, wie Professor Reichenbart belustigt bemerkte. Lächelnd gesellte er sich zu ihnen. 
"Meine Herren", sagte er. "Bitte folgen Sie mir. Ich habe ein Konferenzzimmer einrichten lassen, wo Sie mir in Ruhe Fragen stellen können." 
Präsident Harras ergriff dann als Erster das Wort und kam sogleich zum Kernpunkt. "Professor Reichenbart, ich gratuliere Ihnen zum Erfolg. Leider verstehe ich nicht viel von Physik und kann daher nicht genau beurteilen, was Sie alles geleistet haben. Was mich und auch die anderen Herren hier vor allem interessiert ist die praktische Verwendbarkeit dieser Waffe. Ist der Einsatz der Bombe unter Kriegsbedingungen möglich?" 
"Die Bombe, die sie gesehen haben, war so groß wie der Tisch, an dem Sie sitzen. Sicherlich lässt sich die Größe noch erheblich reduzieren, so dass sie einfach zu handhaben ist. Eine Zündung der Bombe erfolgt einfach über Funk. Nichts einfacher als das." 
Harras nickte nachdenklich. General Aussinger wandte sich an Reichenbart. 
"Wie schnell können Sie eine weitere Bombe herstellen?" 
"Vorausgesetzt, alles läuft gut, in sechs Monaten, eine zweite in weiteren drei Monaten. Innerhalb von zwölf Jahren könnten wir genug Bomben produzieren, um alle Planeten der Synbaler zu vernichten." 
Stillschweigen folgte seinen Worten. Schließlich ergriff Harras wieder das Wort. 
"Mein lieber Professor, könnten Sie bitte für einige Minuten den Raum verlassen? Ich habe mit den Herren hier ein vertrauliches Gespräch zu führen!" 
"Bitte sehr!" erwiderte Reichenbart galant. Er hatte Verständnis dafür, dass sie sich erst auf diese neue Situation einstellen mussten. Es wäre ihm sicher nicht anders gegangen. Mit Sicherheit diskutierten sie nun, wie sie seine Bombe am besten einsetzten konnten. Wo und wann sie die Synbaler vernichtend treffen konnten. Alle Kriegspläne mussten umgeschrieben werden. Aber es spielte keine Rolle mehr, ob es fünf, zehn oder noch dreißig Jahre dauern würde. Der Krieg war entschieden, und es war sein Verdienst. In den Geschichtsbüchern würde er als Held dastehen. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit war ihm der Physik-Nobelpreis sicher oder - Reichenbart konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen - sogar der Friedensnobelpreis. Zufrieden zog er seine Pfeife aus der Tasche und zündetet sie an. Er paffte so an die zehn Minuten, als sich die Tür zum Konferenzraum öffnete und Präsident Harras ihn hineinrief. 

"Entschuldigen Sie bitte, dass es so lange gedauert hat." 
"Keine Ursache. Ich habe volles Verständnis dafür, dass Sie einiges zu besprechen hatten. Wann gedenken Sie die Antimateriebombe einzusetzen?" 
"Genau das ist der Punkt", entgegnete Harras. "Wir haben beschlossen, dass wir die Bombe nicht einsetzen werden." 
"Was?" bestürzt blickte Reichenbart Harras an. Er konnte nicht glauben, was er gehört hatte. "Aber warum das?" 
"Haben Sie jemals vom Ahrl-Memorandum gehört?" 
"Nein." 
"Ahrl war einer der führendsten Wirtschaftswissenschaftler des vorigen Jahrhunderts. Er hat sich unter anderem intensiv mit der Kriegswirtschaft beschäftigt. 95% aller Betriebe hängen direkt oder indirekt mit der Kriegsproduktion zusammen. Würde der Krieg plötzlich beendet werden, stände die gesamte Weltwirtschaft vor dem Zusammenbruch. Verstehen Sie? All unsere Ressourcen sind an den Krieg gebunden. Die Wirtschaft wird kollabieren, mit ihr die Finanzwelt; unser Geld wird nichts mehr wert sein. Massenarbeitslosigkeit und Verarmung der ganzen Bevölkerung werden das Ergebnis sein. Des weiteren ist für all die Soldaten, die von der Front zurückkehren, auf der Erde kein Platz. Es wird eine gewaltige Rezession geben. Im Zuge dieser Rezession wird es zu Aufständen und Gewalttaten kommen, wobei zu bedenken ist, dass über hundert Millionen Männer dabei sein werden, die wissen, wie man mit Waffen umgeht. Das politische System wird außer Kraft gesetzt werden. Es wird keine Ordnung mehr geben und ohne Ordnung werden auch die zum Leben notwendigen Versorgungssysteme wie Elektrizität oder Trinkwasser zusammenbrechen. Summa summarum wird das totale Chaos herrschen, in deren Verlauf ein Drittel der Weltbevölkerung ums Leben kommen wird. Ahrl hat berechnet, dass es einen Rücksturz in der Entwicklung geben wird. Schätzungsweise wird die Menschheit auf ein Niveau zurückfallen, wie es dem 19. Jahrhundert entsprach. Die Zeit, die wir dann brauchen würden, um wieder heutige Verhältnisse zu erreichen, würde locker tausend Jahre betragen. Länger, als dieser verdammte Krieg schon dauert. Aber ich schweife ab, was ich ihnen klar machen wollte, ist, dass wir diesen Krieg brauchen. Wir können uns keinen Frieden leisten, weil die Folgen des Krieges geringer sind als die eines Friedens. Wir werden also auf ihre Waffe verzichten müssen." 
"Das... das kann doch nicht ihr Ernst sein?" stammelte Professor Reichenbart. 
"Es ist mein voller Ernst und ich muss sie nicht noch extra darauf hinweisen, dass alles, was ich Ihnen gesagt habe, unter uns bleiben muss." 
Professor Reichenbart schüttelte benommen den Kopf. "Das kann ich nicht glauben. Heißt das, dass Sie vorhaben, den Krieg bis in alle Ewigkeit zu führen?" 
"Keineswegs. Wir arbeiten schon daran, eine langfristige Strategie zu entwickeln, die diese Folgen wird abfangen können. Aber erst spätere Generationen werden dann wirklich in der Lage sein, den Krieg zu beenden. Bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterzumachen." 
Mit einem Achselzucken beendete Harras seinen Vortrag. Er griff nach seinem Hut. 
"Ich muss jetzt leider wieder gehen. Auf Wiedersehen, Professor." 
Professor Reichenbart blickte kurz die ausgestreckte Hand des Präsidenten an, drehte sich dann wortlos um und stürmte hinaus.